«Das Kind tot zu bergen, war krass»

24.07.2017

SUVA, 13. Juli 2017 Regula Müller

Theo Maurer (55) ist Ausbildungschef und Retter bei der Alpinen Rettung Schweiz. Er leistet an Orten Hilfe, wo die Rega nicht mehr hinkommt. Er befindet sich oft in schwierigem Gelände und muss das Risiko gut kalkulieren, damit er sich selber nicht in Gefahr bringt

«Sobald ich wieder festen Boden unter den Füssen habe, rufe ich meine Frau an», sagt Theo Maurer. So müsse sie sich keine unnötigen Sorgen machen, wenn er einen Rettungseinsatz habe. Der Mann, mit dem athletischen Körper und dem klaren Blick, leistet bereits seit 35 Jahren Einsätze für die Alpine Rettung Schweiz (ARS). 2001 wurde Theo Maurer Rettungschef und nochmal sieben Jahre später Ausbildungschef der gesamten Schweiz. Es ist nicht nur die Liebe zu den Bergen, die ihn zu diesem Beruf gebracht hat. Es ist vielmehr die Abwechslung und die Ungewissheit, was der Tag bringt. «Wenn einem eine Rettung gelingt, ist die Befriedigung sehr gross. Deswegen mache ich diesen Job.»
Die Alpine Rettung Schweiz ist eine Stiftung, welche vom SAC und der Rega getragen wird. In der ganzen Schweiz gibt es 86 Rettungsstationen, die von sieben Regionalvereinen betrieben werden. In den Rettungsstationen sind 2929 Retterinnen und Retter für die ARS im Einsatz – freiwillig. Die Retter gehen einer gewöhnlichen Arbeit nach und werden aufgeboten, wenn die Rega auf Unterstützung angewiesen ist. So bei schlechtem Wetter, wenn die Helikopter nicht oder nur bis zur unteren Wolkendecke fliegen können. Dann müssen die Retter der ARS zu Fuss ins Einsatzgebiet. Dort warten anspruchsvolle Aufträge wie Lawinenrettungen, die Suche nach Berggängern in unwegsamem Gelände oder das Bergen von abgestürzten Wanderern.

Körperlich und mental fit sein
Als Rettungschef der Rettungsstation Oberhasli ist Theo Maurer zuständig für das Gebiet von Brienz bis zu den Alpenpässen Susten, Grimsel und Jochpass. Im Jahr 2016 gab es für sein Team 44 Einsätze. Wer auf Pikett ist, müsse jeder Zeit mit einem Einsatz rechnen, sagt Theo Maurer. «Im Frühjahr mussten wir um 19.30 Uhr einen Lawineneinsatz leisten. Gewöhnlich sind die Tourenskifahrer am Mittag zu Hause.» Das Verhalten der Leute habe sich in den letzten Jahren verändert. «Möglicherweise verleitet das gute Material zu mehr Risikofreudigkeit.»
Körperliche Fitness und mentale Stärke seien gefragt als Retter. Einer der härtesten Einsätze sei die Bergung eines Wanderers auf 3000 m ü. M. gewesen. Der Verunfallte hatte einen Oberschenkelbruch und musste in der Dunkelheit bei Schneefall und Regen auf der Bahre vom Berg getragen werden. «Wir starteten nachmittags um vier und erreichten die Strasse, wo der Krankenwagen wartete, erst nach Mitternacht.» Dieser Einsatz war zwar streng, aber keine psychische Belastung. Das war anders, als Theo Maurer zu einer Absturzstelle musste, ohne zu wissen, dass hier das Kind einer ihm bekannten Familie zu Tode gestürzt ist. «Das war eine sehr krasse Situation.»

Das Risiko einschätzen
Die Einsätze der ARS finden oft in schwierigem Gelände statt. Es ist die Aufgabe des Einsatzleiters, die Risiken für seine Truppe abzuschätzen. Bei einem Lawinenniedergang muss er zuerst abklären, ob weitere Niedergänge drohen oder ob die Lage sicher ist. Beim Bergen von abgestürzten Wanderern kann Steinschlag den Rettern gefährlich werden. «Als Einsatzleiter bin ich dafür verantwortlich, dass sich meine Leute keiner Gefahr aussetzen.» Weil aber in einer Extremsituation die Urteilskraft nachlässt, muss das korrekte Verhalten immer wieder trainiert werden.
«Durch meine Arbeit bei der ARS bin ich bei meinen privaten Berggängen vorsichtiger geworden.» Was sich allerdings nicht geändert hat, ist die Liebe zu den Bergen. Schmunzelnd erzählt Theo Maurer: «Wenn ich in Sardinien in den Ferien bin, liege ich am Morgen am Strand, doch spätestens am Nachmittag zieht es mich mit dem Bike in die Berge.»

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Bergretter Nr. 36

Jahresbericht 2016