ARG Aktuell

Jeder dritte Gerettete ist zu schwach für den Abstieg

Bündner Zeitung, Donnerstag, 18. April 2019 von Ursina Straub

Ausgerüstet mit digitalen und technischen Hilfsmitteln, gehen heute mehr Leute ins Gebirge –
wo viele rasch überfordert sind. Die Alpine Rettung muss deshalb häufiger Unverletzte bergen.


Im vergangenen Jahr ist die Alpine Rettung Graubünden (ARG) insgesamt 154-mal ausgerückt. Das sind 27 Einsätze mehr als im langjährigen Durchschnitt. Damit setzt sich laut Chasper Alexander Felix, Präsident der Alpinen Rettung Graubünden, der Trend zu überdurchschnittlichen Einsatzzahlen fort.
Zu denken gibt Felix jedoch ein anderer Trend: Auffällig oft werden die Rettungskräfte nämlich alarmiert, um unverletzte Personen zu bergen, welche zu erschöpft sind für den Abstieg, überfordert oder sich schlicht verstiegen haben. Konkret ist in jedem dritten Einsatzbericht von Erschöpfung, übermüdung, Verspätung, Verirrung oder Blockade die Rede, wie Felix im aktuellen Jahresbericht der Alpinen Rettung schreibt.
Der Bündner Rettungschef sagt: «Früher waren fast ausschliesslich gut ausgebildete Alpinistinnen und Alpinisten in den Bergen unterwegs; sie kehrten um, wenn es kritisch wurde. Heute wagen sich, auch dank hochtechnischer Ausrüstung und mehr oder weniger sinnvoller Apps, viel mehr Leute völlig unbeschwert in Gebiete hin ein, in denen sie schnell überfordert sind oder orientierungslos werden.»

Ungeeignet für schwere Tour
Der Verdacht liege deshalb nahe, so Felix, dass immer mehr Leute mit ungeeigneten Voraussetzungen auf anspruchsvollen Routen unterwegs seien – und darauf setzten, dass sie jederzeit mit dem Handy Hilfe anfordern könnten. «Dabei gibt es trotz immer besserer Netzabdeckung längst nicht auf jedem Gipfel oder in jedem Tal Empfang», sagt er. «Das gibt eine trügerische Sicherheit und kann zu Fehlentscheiden führen.» Retter rücken häufiger aus Dass die Alpine Rettung Graubünden im vergangenen Jahr häufiger als üblich aufgeboten wurde, entspricht den schweizweiten Zahlen. Der extrem trockene, lange Sommer und der schneereiche Winter führten dazu, dass sich mehr Menschen in den Bergen bewegten. 456 Retterinnen und Retter standen im Einsatz, im Vorjahr waren es 538 gewesen. Sie haben bei insgesamt 239 Personen Hilfe geleistet; im Vorjahr waren es 224 Personen gewesen.

Zeitaufwendige Suchaktion

Doch die Retter rückten nicht nur wegen Bergsportlern aus, diese Unfälle sind im Gegenteil eher rückläufig. Die Alpine Rettung ist auch zur Stelle, wenn nach Vermissten gesucht wird, wenn Menschen evakuiert werden müssen oder wenn etwa ein Auto- oder Velofahrer aus steilem Gelände geborgen werden muss. So wurden bei knapp der Hälfte der Einsätze im vergangenen Jahr Menschen evakuiert oder gesucht. Es sind denn auch diese Suchaktionen, die am zeitaufwendigsten sind und am meisten Personal beanspruchen. «Da sind schnell einmal bis zu 40 Personen über mehrere Stunden oder Tage unterwegs», erklärt Felix.
Oft werden Bündner Rettungskräfte auch zu sogenannten Präventiveinsätzen gerufen. Das heisst, sie suchen etwa nach einem Lawinen niedergang den Lawinenkegel ab, ohne zu wissen, ob es Verschüttete gibt. Oder sie holen Berggänger von einem ausgesetzten Felsband – eben bevor ein Unfall passiert.
Verändert hat sich auch die Art, wie gesucht wird. Früher brauchte es hauptsächlich Menschenkraft und Material für die klassischen Einsätze in Fels und Eis. Heute können etwa Helikopter der Schweizerischen Rettungsflugwacht Rega, mit der die Alpine Rettung eng zusammenarbeitet, dank technischer Raffinessen viel länger fliegen, auch bei ungünstiger Witterung.

Drohnen und Mini-Helikopter
Zudem erleichtern Wärmebildkameras und Drohnen die Suche nach Vermissten; Motorwinden und Highttechzubehör helfen bei der Bergung von Verletzten. So lässt die Alpine Rettung zuweilen eine mit einer Kamera ausgerüstete Drohne über ein steiles Tobel fliegen, um sich ein Bild von der Situation zu machen, bevor Rettungskräfte hin untersteigen.
Bald soll sogar eine eigens von der Rega entwickelte Drohne – ein Mini-Helikopter mit Benzinmotor – eingesetzt werden. Er könnte etwa losgeschickt werden, wenn schlechte Sicht einen Helikoptereinsatz verhindert. Den Prototyp dieses Mini-Helis hat die Rega-Basis in Dübendorf kürzlich vorgestellt. Er hält sich bis zu drei Stunden in der Luft. «Dank der technischen Hilfsmittel können Einsätze heute effizienter und mit weniger Retterinnen und Rettern abgewickelt werden», sagt Felix.
Felix glaubt hingegen nicht, dass das Gebirge heute wegen grosser Bergstürze wie jenen am Flüela Wisshorn gefährlicher ist (Ausgabe vom 21. März). Allerdings hätten die stärkeren Temperaturschwankungen, Starkniederschläge und lange Trockenphasen auch Folgen. «Die Erwärmung ist jetzt in höheren Lagen angekommen », sagt er.

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bündner woche, 3.4.2019 von Susanne Turra

«Wir beginnen auf einer Grundlinie», erklärt Hundeführer Hannes Tönz und zeigt über die grosse Wiese. Dort steht ein weiterer Hundeführer in der Mitte. Er amtet für einmal als Pfosten, der den Hund hält. Eine Person steht ein Stück weiter draussen auf der Seite.

Und diese Person muss sich für den Hund interessant machen. Der Hund muss auf sie achten. Mehr noch: Er muss sich auf sie fokussieren. Sie im Ernstfall finden. Diese Person ist im Training das Magnet für den Hund. Denn bei einem Einsatz ist das die vermisste Person. Damit der Hund das im Training auch richtig versteht und verknüpft, bekommt er Leckerli und Lob nicht wie gewohnt von seinem Führer, sondern von der aussenstehenden Person. «Das braucht Geduld, Einfühlungsvermögen und Konsequenz», betont Gruppenleiter Hannes Tönz und macht sich an seinem Funkgerät zu schaffen. Er ist ein erfahrener Hundeführer. Seit Jahren schon steht er für die Alpine Rettung Graubünden mit seinem Hund im Einsatz. Es ist Sonntagabend auf der Trimmiser-Rüfi. Acht Geländesuchhunde-Teams der Alpinen Rettung Graubünden, genau genommen aus Nordbünden, sind auf dem grossen Gelände am Trainieren. An ihren leuchtend gelben Westen sind sie schon von Weitem zu erkennen.
Da und dort ertönt ein kurzes Bellen. Die Teams trainieren für den Ernstfall. Sie trainieren, um Leben zu retten. «Mit dieser übung wird die Lauffreudigkeit der Hunde trainiert», erklärt Hannes Tönz weiter. Der Hund hat die Person gefunden. Und jetzt? «Es gibt zwei Möglichkeiten», so der Hundeführer. «Der Hund kann mit einem Bringsel oder mit Verbellen anzeigen, dass er die Person oder den Gegenstand gefunden hat.» Heute wird allerdings vermehrt mit dem Bringsel gearbeitet. Dies setzt voraus, dass der Hund sehr gut apportieren kann. Und so wird das Apportieren heute auch gleich noch ausgiebig geübt. So oder so. Für Führer und Hund bedeuten Training und Einsatz im Ernstfall Höchstleistungssport.

Das alles ist natürlich sehr zeitintensiv. Es beginnt schon bei der Ausbildung. Wenn der Hund einjährig ist, kann er den Eintrittstest machen. Es folgen verschiedene Modulausbildungen und diverse Aufbaukurse. Zu Beginn eines Ausbildungskurses gibt es jeweils eine Bestandeskontrolle, auf der anschliessend weiter aufgebaut wird. Wer die Modul- und Ausbildungskurse erfolgreich beendet hat, wird schliesslich zum Einsatztest zugelassen. Ganz wichtig dabei: Das Team erfährt erst rund zwei Wochen vorher, in welchem Gelände es im Einsatz stehen wird. «So kann man nicht etwa schon im Vorfeld das Gebiet inspizieren und sich darauf vorbereiten», erklärt Hannes Tönz. «Denn das würde keinen Sinn machen.» Der Einsatztest besteht aus einer Reviersuche mit mindestens 400 Höhenmetern. Im Waldbereich ist das Revier 200 Meter, im freien Gelände 300 Meter breit. Weiter ist eine Wegsuche von drei Kilometern Länge und 30 Metern Tiefe zu absolvieren. «Das Kartenlesen ist dabei übrigens ein ganz wichtiger Teil», betont der Hundeführer. «Im Ernstfall kann man sich nicht einfach nur auf ein GPS verlassen.»
Wenn das Hundeteam den Einsatztest bestanden hat, ist es einsatzfähig und kann zur Vermisstensuche aufgeboten werden. Alle zwei Jahre muss es dann an einem Bestätigungskurs seine Einsatzfähigkeit wieder bestätigen lassen.

Ab dem zehnten Lebensjahr des Hundes muss dieser seine Einsatzfähigkeit jährlich testen lassen. Und das ist gut so. Denn die Anforderungen im Einsatz sind sehr hoch. «Wir versuchen, die Hoffnung der Angehörigen zu erfüllen, indem wir die vermisste Person finden», gibt Hannes Tönz zu bedenken. Und: «Die Polizei erwartet von uns, dass wir unseren Auftrag bestmöglich erfüllen.» Die ist es auch, welche die Geländesuchhundeteams im Ernstfall aufbietet. Vermisstensuche geht über die Polizei. «Bei stundenlangen Grosseinsätzen arbeiten wir mit übergreifenden regionalen Gruppen», erklärt der Hundeführer dazu. Das ist ein gutes System. Denn nach vier bis fünf Stunden Suchen am Stück ist für den Hund Schluss. Bei schwierigem Gelände manchmal sogar schon nach zwei Stunden.

So kommen die Teams auch immer wieder zum Einsatz. Und das bringt letztlich die Erfahrung. «Es ist auch nicht motivierend, wenn man jahrelang trainiert,  Prüfungen erfolgreich absolviert und nie zum Einsatz kommt», so Hannes Tönz. Er war es übrigens, der 1994 als erster Hundeführer im Kanton den Einsatztest absolviert und nach und nach die Gruppe ins Leben gerufen hat. Heute umfasst die Gruppe in Nordbünden acht Hundeteams. In Südbünden stehen nochmals zwei einsatzfähige Teams bereit.
«Ganz wichtig ist, dass wir bei der Polizei bekannt sind», betont Hannes Tönz schliesslich. «So werden wir bei einer vermissten Person auch schnell aufgeboten.» Und: «Bei uns gibt es keine Einzelkämpfer », so der Hundeführer. «Wir treten in der Gruppe auf.» Innerhalb dieser gilt es, zahlreiche übungen zu absolvieren. In der Regel stehen mehrere Hundeteams gleichzeitig im Einsatz. Wenn einer dieser Hunde eine vermisste Person aufspürt, gehört dieser Erfolg der ganzen Gruppe. Es ist eine Teamarbeit. Es ist die Arbeit aus der Gruppe, die letztlich zum Erfolg führt. So geschehen vor einem Monat, wo eine Frau von einem Geländesuchhund der alpinen Rettung im unwegsamen Gelände in Schiers lebend aufgefunden worden ist. «Dafür trainieren wir», versichert Hannes Tönz. Dann dreht er sich um und pfeift die Gruppe zusammen. Es geht zum Apportieren.

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